Expertin am Wort
Beschattung statt Klimaanlage: Was passive Kühlstrategien für Bestandsgebäude leisten können - Tina Tezarek im Interview mit dem Magazin SOLID
Tina Tezarek, ÖGUT-Expertin für innovatives Bauen, erklärt im Fachmagazin SOLID, Ausgabe 05/2026, warum passive Kühlstrategien die erste Wahl für Bestandsgebäude sind – und welche Maßnahmen wirklich wirken.
Tina Tezarek arbeitet in der ÖGUT in den Themenbereichen innovatives Bauen und Energie, wo sie unter anderem das Projekt „Lokale Wärme gemeinsam in Hernals" leitet, bei dem ein praxistauglicher, übertragbarer 10-Schritte-Plan gemeinsam mit Hauseigentümer:innen in Wien Hernals erarbeitet wird, der bei der systematischen Vorbereitung der Umsetzung von Anergienetzen in Bestandsgebieten hilft. Sie ist außerdem mitverantwortlich für die Betreuung und Umsetzung des klimaaktiv Programms „klimaaktiv Gebäude", zu dem auch der klimaaktiv Kriterienkatalog zählt.
Interview mit Tina Tezarek (ÖGUT) über passive Kühlstrategien bei Bestandsgebäuden
SOLID: Wie lassen sich passive Kühlstrategien hierzulande sinnvoll bei Bestandsgebäuden umsetzen?
Tina Tezarek: Die sinnvollste Strategie im Gebäudebestand ist die Vermeidung von Wärmeeinträgen, vor allem durch eine wirksame Beschattung der Verglasung. Außenliegender Sonnenschutz ist dabei deutlich effektiver als innenliegender. Auch eine Wärmeschutzverglasung kann zur Reduktion von Hitze beitragen. Darüber hinaus sollten innere Wärmelasten vermieden werden, etwa durch Kühlschränke, Ladegeräte, Unterhaltungselektronik oder Computer. Es bewährt sich, solche Geräte – sofern möglich – nicht in überhitzungsgefährdeten Räumen zu betreiben und grundsätzlich energieeffiziente Geräte zu verwenden.
SOLID: Welche Rolle spielen dabei intelligente Fassadenlösungen?
Tina Tezarek: In Wien verfügten noch vor etwa 150 Jahren zahlreiche Gründerzeitgebäude über Holzfensterläden, wie es sie etwa jetzt noch in Italien oder Frankreich gibt. Durch die Lamellen-Bauweise kommt es zusätzlich zur Beschattung zu einer Durchlüftung, wenn man bei geschlossenen Läden die Fenster öffnet. Ein weiterer Vorteil ist, dass sie technisch sehr robust sind und mittlerweile in vielen Materialien erhältlich sind. Ähnliche Systeme sind mit Schiebelementen zu haben. Sie können außen auf Schienen montiert vor die Fenster geschoben werden. Natürlich gibt es auch Außenjalousien. Sie punkten mit einem baulich schlanken Erscheinungsbild, sind aber nicht so sturmfest. Bei den Rollkästen, die ebenfalls außen nachträglich montiert werden können, ist es ein Vorteil, dass sie im Winter für einen Wärmepuffer sorgen. Ein Nachteil ist, dass sie ein elektrisches Antriebssystem benötigen. Zusätzlich muss man bei Rollkästen darauf achten, Wärmebrücken aufgrund der fehlenden Dämmung an den Montagestellen zu vermeiden. Zusätzlich können auf Loggien und Balkonen Markisen eingesetzt werden. Bei jeder Maßnahme gilt es abzuwägen, was sie im Sommer und was sie im Winter bringt. Denn was man in der heißen Jahreszeit draußen haben will, nämlich Sonne und Wärme, braucht man in der kalten in der Wohnung. Hier muss ein Gleichgewicht gefunden werden.
SOLID: Inwiefern kann Begrünung zur Reduktion von Hitze beitragen?
Tina Tezarek: Begrünung wirkt auf zwei Ebenen: Einerseits durch die Beschattung, andererseits durch die Kühlung aufgrund der Verdunstung des Wassers. Natürliche Kühlelemente sind etwa Laubbäume und Kletterpflanzen. Der Vorteil von Laubbäumen ist, dass im Winter die Sonne größtenteils durchscheinen kann, im Sommer jedoch das Laub einen natürlichen Sonnenschutz bietet. Durch die Verdunstung wird zusätzlich das Mikroklima verbessert. Grundsätzlich erzielen Bäume mit großem Kronenradius die stärkste Wirkung, benötigen jedoch ausreichend großen Wurzelraum. Fehlt dieser, ist ihre Lebenserwartung und der Kühleffekt deutlich eingeschränkt. Eine entsprechend hohe Anzahl sowie Dichte an Bäumen und Sträuchern gewährleistet die maximale Wirksamkeit. Der Kühleffekt einzelner Pflanzen und Rasenflächen bleibt hingegen begrenzt.
SOLID: Welche politischen oder wirtschaftlichen Rahmenbedingungen braucht es, damit nachhaltige Kühlmaßnahmen bei Gebäuden in Österreich stärker verbreitet werden?
Tina Tezarek: Hier sehen wir vor allem Anpassungen beim Denkmalschutz für außenliegende Beschattungsanlagen als einen ersten, wichtigen Schritt.
Ergänzend zum Interview: Den vollständigen Beitrag „Ein Hoch auf die Inaktivität" von Claudia Aigner aus dem Magazin SOLID, 05/2026, können Sie hier als PDF herunterladen.
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Tina Tezarek steht für Fragen zu passiven Kühlstrategien, klimaaktiv Gebäudestandards und Anergienetzen im urbanen Bereich gerne zur Verfügung.